Wie KI die Softwareentwicklung verändert Teil 4 -
The CTO´s Perspective
Warum der beste Entwickler künftig vielleicht derjenige ist, der den wenigsten Code produziert
Über viele Jahre war die Leistung eines Entwicklers vergleichsweise einfach zu bewerten: Gute Entwickler lieferten Features zuverlässig ab, lösten komplexe Probleme und konnten sich schnell in neue Technologien einarbeiten. Natürlich spielte dabei auch Codequalität eine Rolle. Trotzdem wurde Produktivität häufig daran gemessen, wie viel ein Entwickler selbst implementieren konnte. Dieser Maßstab wird sich jedoch radikal verändern.
Denn mit Agentic Coding verliert die reine Implementierung zunehmend an Bedeutung: Ein großer Teil des Codes entsteht künftig nicht mehr originär durch Entwicklerhand, sondern wird durch Agenten geschrieben. Dadurch verschiebt sich automatisch die Frage, worin der eigentliche Wertbeitrag eines erfahrenen Engineers künftig besteht. Nämlich nicht mehr darin, den besten Code zu generieren, sondern die richtigen Entscheidungen zu treffen, sowohl was die Anforderungen angeht, als auch was das Code Review angeht.
Je einfacher Implementierung wird, desto wertvoller werden alle Fähigkeiten, die sich nicht automatisieren lassen. Architekturentscheidungen gehören genauso dazu wie Produktverständnis, Security, Wartbarkeit oder die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge verständlich zu erklären: Ein Senior Engineer wird künftig weniger Zeit damit verbringen, selbst Code zu schreiben. Dafür investiert er mehr Zeit in Reviews, technische Leitplanken, Coaching und die Bewertung verschiedener Lösungsansätze. Seine Aufgabe besteht somit immer mehr darin, sicherzustellen, dass aus vielen lokal guten Entscheidungen am Ende ein – für den Kunden – wertvolles Produkt entsteht, wie bereits in Teil 3 der Reihe ‚Wie KI Softwareentwicklung verändert‘ beschrieben.
Das beeinflusst in der Konsequenz den Karrierepfad vieler Entwickler: Denn bisher galt die technische Exzellenz als wichtigste Voraussetzung, um sich weiterzuentwickeln. Künftig reicht das allein vermutlich nicht mehr aus und wer Verantwortung übernehmen möchte, muss immer mehr Zusammenhänge erkennen, Prioritäten setzen und technische Entscheidungen im Kontext des gesamten Produkts bewerten können. Die Fähigkeit, guten Code zu schreiben, bleibt wichtig. Die Fähigkeit zu beurteilen, welcher Code überhaupt entstehen sollte, wird jedoch immer wichtiger.
Für Unternehmen hat diese Entwicklung ebenfalls Konsequenzen: Viele Recruiting-Prozesse konzentrierten sich bisher stark auf Algorithmen, Programmiersprachen oder Frameworks. Gleichzeitig gewinnen andere Kompetenzen an Bedeutung: Systemdenken, Kommunikation, Architekturverständnis und Urteilsvermögen werden zunehmend darüber entscheiden, welchen Beitrag ein Entwickler für eine Produktorganisation leisten kann.
Aus meiner Sicht verändert Agentic Coding deshalb nicht nur die Arbeit unserer Entwickler, sondern es verändert unser Verständnis davon, was einen guten Entwickler überhaupt ausmacht: Vielleicht werden wir in einigen Jahren feststellen, dass ausgerechnet diejenigen Engineers den größten Beitrag geleistet haben, die selbst den wenigsten Code geschrieben haben. Und zwar weil ihre wichtigste Aufgabe darin bestand, aus vielen guten Einzelentscheidungen ein erfolgreiches Gesamtprodukt entstehen zu lassen.
Zum Abschluss der Reihe ‚Wie KI Softwareentwicklung verändert‘ möchte ich eine kurze Zusammenfassung abgeben: Die vier Teile dieser Serie haben aus unterschiedlichen Perspektiven gezeigt, dass Agentic Coding weit mehr verändert als nur die Art, wie Code entsteht. Der Arbeitsalltag von Entwicklern verändert sich, weil sie stärker zum Orchestrierer von Arbeitsschritten werden. Die Organisation verändert sich, weil sich das Bottleneck von der Implementierung hin zu Anforderungen, Qualitätssicherung und Entscheidungsfähigkeit verschiebt. Das Produkt verändert sich, weil zusätzliche Entwicklungskapazität ohne klare Strategie schnell zu mehr Komplexität statt zu mehr Kundennutzen führen kann. Und schließlich verändert sich auch das Bild eines guten Entwicklers, weil Urteilsvermögen, Systemverständnis und die Fähigkeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen, an Bedeutung gewinnen.
Als CPTO bei eperi sehe ich in alldem weniger eine technologische Herausforderung als eine organisatorische Transformation. Agenten und Spec-Driven Development werden unsere Entwicklungsfähigkeit weiter erhöhen. Der entscheidende Faktor wird daher sein, ob wir als Unternehmen in der Lage sind, diese zusätzliche Geschwindigkeit sinnvoll zu nutzen. Erfolgreiche Softwareunternehmen der Zukunft werden aus meiner Sicht nicht diejenigen sein, die den meisten Code erzeugen, sondern diejenigen, die mit der zusätzlichen Kapazität bessere Entscheidungen treffen, ihre Produkte verständlich halten und dauerhaft Mehrwert für ihre Kunden und Mitarbeitenden schaffen.
Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in diesem Artikel die männliche Form verwendet. Sie schließt selbstverständlich alle Geschlechter gleichermaßen ein.
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann jetzt liken oder mit Kollegen, Geschäftspartnern sowie Freunden teilen.
Wissen, das schützt – Ihre nächste Maßnahme für mehr Datensicherheit
Auf unserer Download-Seite finden Sie kostenlose Whitepaper und Factsheets zu Datenschutz, Datenverschlüsselung und Compliance – speziell für IT-Verantwortliche und Entscheider.
Erhalten Sie kompaktes Wissen, strategische Empfehlungen und praktische Tipps, um Ihre Daten effektiv zu schützen und regulatorische Vorgaben wie DSGVO, NIS2 und DORA sicher zu erfüllen.

