Wie KI die Softwareentwicklung verändert Teil 3 -
The CTO´s Perspective
Wartbarkeit wird zum Wettbewerbsvorteil
Softwareunternehmen hatten schon lange gehofft, eines Tages schneller neues entwickeln zu können. Continuous Integration, DevOps und zuletzt Agentic Coding verfolgen letztlich alle dasselbe Ziel: Sie machen Entwicklungsteams produktiver und reduzieren bestehende Engpässe. Dadurch wächst die Fähigkeit einer Produktorganisation, neue Funktionalität bereitzustellen.
Damit einher gehen muss aber auch die Frage, wofür ich den potenziell höheren Output aufwenden möchte. Wenn Entwicklungskapazität steigt, verändert sich automatisch auch die Anzahl möglicher Features und plötzlich wird vieles realisierbar, was bisher aus Kapazitätsgründen nie umgesetzt werden konnte. Sogar individuelle Kundenwünsche erscheinen plötzlich wirtschaftlich und interne Ideen verschwinden nicht mehr automatisch im Backlog. Das klingt zunächst fast schon zu schön, um wahr zu sein.
Für Produktorganisationen entsteht dadurch jedoch ein neues Risiko: Je einfacher Features entstehen, desto schwieriger wird die Entscheidung, welche Features überhaupt entstehen sollten. In der Konsequenz werden viele Softwareunternehmen in den kommenden Jahren wohl mit der neu hinzugekommenen Lieferfähigkeit einen Feature-Friedhof aufbauen und damit ihre Lieferfähigkeit paradoxerweise immer mehr einschränken.
Nicht weil einzelne Features schlecht entwickelt wurden. Sondern weil jedes einzelne Feature - für sich betrachtet - sinnvoll erscheint. In der Summe entstehen jedoch Produkte, die immer komplexer werden, immer mehr Konfigurationsmöglichkeiten bieten und deren Bedienung zunehmend schwieriger wird.
Mehr Features bedeuten nicht automatisch mehr Kundennutzen.
Hinzu kommt ein zweiter Effekt: Jedes zusätzliche Feature erhöht den Testaufwand, erweitert die Dokumentation, vergrößert die Zahl möglicher Wechselwirkungen und erschwert zukünftige Änderungen. Die Wartbarkeit eines Produkts sinkt schleichend. Dieser Effekt ist in vielen Organisationen bereits heute sichtbar. Agentic Coding wird ihn voraussichtlich weiter verstärken, wenn Entwicklungskapazität schneller wächst als die Fähigkeit, Komplexität (insbesondere für den Kunden) wieder abzubauen.
Deshalb halte ich eine andere Form von Agenten langfristig für mindestens genauso interessant. Heute sprechen wir überwiegend darüber, wie Agenten neuen Code erzeugen können. Vielleicht benötigen wir künftig jedoch mehr Agenten, die bestehenden Code vereinfachen, doppelte Funktionalitäten identifizieren oder überflüssige Features zur Entfernung vorschlagen. Wartbarkeit entsteht nicht nur durch gute Architektur. Sie entsteht auch dadurch, regelmäßig Komplexität aus einem Produkt zu entfernen.
Damit verändert sich auch das Anforderungsprofil an Entwickler. Über viele Jahre wurde ihre Leistungsfähigkeit häufig daran gemessen, wie schnell und zuverlässig sie Lösungen implementieren konnten. Diese Fähigkeit bleibt wichtig. Gleichzeitig gewinnt eine andere Kompetenz an Bedeutung: die Fähigkeit, gute Entscheidungen zu treffen. Entwickler müssen künftig häufiger (und natürlich immer noch zusammen mit (Product) Management) beurteilen, ob eine vorgeschlagene Lösung zur bestehenden Architektur passt, welche Auswirkungen sie langfristig auf Wartbarkeit und Sicherheit hat und ob ein neues Feature den tatsächlichen Nutzen des Produkts erhöht oder lediglich dessen Komplexität.
Aus meiner Sicht entwickelt sich damit Urteilsvermögen zu einer der wertvollsten Fähigkeiten innerhalb einer Produktorganisation (siehe dazu auch Teil 2 der Serie ‚Wie KI Softwareentwicklung verändert‘). Denn langfristig werden aus meiner Sicht nur diejenigen Unternehmen erfolgreich sein, die die zusätzliche Entwicklungskapazität nutzen, ohne dabei die Kontrolle über ihre Produkte zu verlieren.
Die drei bisherigen Teile dieser Serie hatten eines gemeinsam: Sie beschreiben, wie Agenten den Arbeitsalltag, die Organisation und das Produkt verändern. Damit bleibt noch eine Frage offen. Wenn sich all diese Rahmenbedingungen verändern, verändert sich zwangsläufig auch unser Bild eines guten Entwicklers. Genau dieser Frage widmet sich der vierte und letzte Teil der Serie.
Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in diesem Artikel die männliche Form verwendet. Sie schließt selbstverständlich alle Geschlechter gleichermaßen ein.
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